Sind Juristische Dienstleistungen eine reine Commodity-Dienstleistung?

Eine sogenannte „Commodity-Dienstleistung“ (auch „Allerweltsprodukt“) ist eine Dienstleistung, die standardisiert und von einigen Marktteilnehmern in der gleichen Qualität und zu einem vergleichbaren Preis angeboten wird. In einem Markt mit solchen Dienstleistungen bleibt im Extremfall das Drehen an der Preisschraube die letzte Möglichkeit, um sich von Konkurrenzangeboten zu unterscheiden. Beispiele für Commodity-Dienstleistungen sind etwa Reinigungsservices, das Online-Banking oder auch die Nutzung eines Electroscooters.

Viele juristische Dienstleistungen entwickeln sich zu Commodity-Dienstleistungen

Auf den ersten Blick mag es für viele Juristen kontraintuitiv sein, dort auch juristische Dienstleistungen zu verorten. Doch ein genauerer Blick auf den Markt zeigt: Die Entwicklung hin zu Commodity-Dienstleistungen gibt es unter den vielen verschiedenen juristischen Dienstleistungen schon lange.

Ein etwas älteres Beispiel ist die Erstellung von AGB für einen Webshop oder eine Homepage. Konnten hierfür vor einigen Jahren noch gute Stundensätze in Rechnung gestellt werden, gibt es mittlerweile für diese Art von Dienstleistungen eine Vielzahl von professionellen Anbietern am Markt. Diese arbeiten nicht nur deutlich günstiger als klassische Kanzleien, sondern bisweilen sogar kostenlos.[1]

Ein aktuelleres Beispiel ist rund um Fluggastrechte zu finden. Neben dem wohl bekanntesten Unternehmen für die Durchsetzung von Fluggastrechten Flightright[2], gibt es immer mehr Unternehmen, die sich untereinander nur in wenigen Facetten unterscheiden.

Beispiele für Anbieter, die Dienstleistungen standardisieren finden sich auch im Arbeitsrecht (z.B. www.chevalier.law), Sozialrecht (z.B. www.atornix.de), Verkehrsrecht (z.B. www.blitzerhelp.de) und vielen weiteren Rechtsgebieten.

Transparenz sorgt für eine stärkere „Commoditisierung“

Die große und vielleicht auch bedrohlich wirkende Frage ist also: Bewegt sich der gesamte Markt für juristische Dienstleistungen hin zu einem Markt für Commodity-Dienstleistungen?

An dieser Stelle kann nur eine sehr zurückhaltende Entwarnung und auch nur mit Blick auf die kurze bis mittlere Frist gegeben werden.

Aktuell entstehen die neuen Marktteilnehmer vor allem im Bereich des Verbrauchermarkts. Hier zeigt sich außerdem durch neue Anbieter wie advocado[3] oder anwalt24[4] der Trend zu mehr Transparenz im Markt und eine Veränderung von der Auswahl des Rechtsberaters nach Empfehlungen aus dem eigenem Bekanntenkreis, hin zu einer Auswahl nach vergleichbaren Kriterien wie Preis, Bewertungen von einer Vielzahl anderer Mandanten und Professionalität der Dienstleistung. Ein solcher transparenterer Markt ist dabei immer eine notwendige Bedingung für die Commoditisierung von Dienstleistungen.

Aktuell noch entspannter dürfen die Dienstleister in die kurz und mittelfristige Zukunft blicken, die sich auf die Beratung von Unternehmen oder der öffentlichen Hand fokussieren. Durch die im Durchschnitt höhere Komplexität der jeweiligen Mandate, die, zumindest bis vor kurzem noch, gute gesamtwirtschaftliche Lage und einige lukrative Sondereffekte wie den Dieselskandal, gibt es hier weniger Entwicklungen, die zu einem transparenteren Markt führen könnten. Auch alternative Anbieter tun sich aktuell in diesem Marktsegment noch sehr schwer.

Aber auch hier werden längerfristig die verstärkte Professionalisierung des Einkaufs von Rechtsdienstleistungen und neue Anbieter von Vergleichsportalen für juristische Dienstleistungen im B2B-Segment für weitere Schritte hin zu einer stärkeren Commoditisierung sorgen.

Was kann man also tun?

Um dieser Commoditisierung zu entgehen, sollten juristische Dienstleister also ihre aktuelle Ausrichtung in Bezug auf Alleinstellungsmerkmale kritisch hinterfragen, in die Digitalisierung und Professionalisierung ihrer Organisation investieren und einen Entwicklungsplan für das eigene Dienstleistungsportfolio aufstellen.

Wer sich der Weiterentwicklung der eigenen Dienstleistung nicht verschließt und bereit ist, sich weiterzuentwickeln, wird auch in Zukunft in der wachsenden Branche der Rechtsdienstleistungen gute Geschäfte machen und dabei für die eigenen Mandanten eine insgesamt bessere Dienstleistung anbieten können.


[1] www.agb.de/gratis-agb

[2] www.flightright.de

[3] www.advocado.de

[4] www.anwalt24.de

Über den Autor

Autorenbild Paul Schirmer
Paul Schirmer
Business Development & Analytics
Paul wird sein Jurastudium voraussichtlich im Frühjahr 2019 abschließen. Schon während der Schulzeit arbeitete er an der Umsetzung von eigenen Geschäftsmodellen. Heute beschäftigt er sich mit den Schnittstellen zwischen Wirtschaft und Recht. Zu seinen Spezialgebieten gehören die Entwicklung von neuen Geschäftsmodellen und Marketingstrategien, qualitative sowie quantitative Marktanalysen unter anderem zur Sondierung von neuen Beteiligungsfeldern für Investoren und klassische Projektmanagementarbeit.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

SFS Blog

 

Der SFS Blog beschäftigt sich mit allem rund um das Thema Legal Tech. SFS ist eine Digital- und Innovationsberatung für die Herausforderungen des Rechtsmarkts von morgen. Wir ermöglichen Ihnen kreativ und konzeptionell über den Tellerrand zu blicken.

Unser Team ist interdisziplinär aufgestellt und immer motiviert neuen Entwicklungen auf den Grund zu gehen. Wir stellen Veränderungen auf den Prüfstand und beraten in Punkto Trends, die man nicht verpassen sollte. Wir denken nicht alt, sondern neu und sind damit der ideale Partner für zukunftsorientierte Unternehmen, die sich im Rechtsmarkt von morgen behaupten wollen.

Kategorien